Fremde Betten

Wenn man nach einem Gig nicht den, für eine Band wie unsere üblichen Weg Richtung Proberaum zum Ausladen des Equipments antritt, um danach ins eigene Bett zu fallen, sondern weitab von Zuhause in Sachen Musik unterwegs ist, ist es anders. Genauer wäre es zu sagen es hat eine andere Qualität, wobei das Wort Qualität an dieser Stelle etwas anderes suggeriert. Deshalb verwende ich es nicht. Es ist nicht besser, auch nicht im Geringsten aufregend, es ist nicht das Gefühl On Tour zu sein oder etwas besonderes zu tun, nein es ist einfach anders.
Große Reste von Adrenalin im Blut, die letzten Töne des letzten Songs im Ohr, Bilder von ein paar Gesichtern aus der ersten Reihe vor dem geistigen Auge, reist es sich anders, wenn man den Weg durch die Nacht sucht zu dem Ort an dem man eben diese verbringen wird. Landstraßen werden zu Hohlwegen, schwach beleuchtet durch die Scheinwerfer des Wagens, auf dem Nebensitz ein Mitmusiker mit Karte und Taschenlampe, oder geblendet, genervt und geleitet von der unfreundlichen Stimme aus dem Navigationswalkman. Irgendwann steht man dann vor dem Haus, in dem sich das Bett befindet, auf das man seit einigen Stunden sehnsüchtig wartet. Meist haben die Besitzer ein Licht angelassen, um dem Suchenden das Finden zu erleichtern. Immer sind sie freundlich, trotz der Horde geschwitzter Musikanten die zu nachtschlafender Stunde in ihr Heim einfällt, es gibt Getränke und Eßbares, es wird organisiert, improvisiert, und das ist das was den Unterschied macht, wenn man es eben so macht, und nicht nach Hause oder ins Hotel fährt.
Aber es ist auch ein wenig seltsam. Manche von den Gastgebenden sind Freunde, andere haben wir gerade eben erst vor dem Gig kennen gelernt, wiederum andere haben wir nie zuvor gesehen, und lernen sie erst in dem Moment kennen in dem sie uns mitten in der Nacht an ihrer Haustür begrüßen.
Unsere erste weite Reise als Band führte uns 1995 nach Middlesbrough, eine Industriestadt im Nordosten Englands. Am Vorabend des Auftritts in der Townhall nahmen wir das Haus des persönlichen Referenten eines Labour Abgeordneten im Europaparlament mitsamt unserem Equipment in Beschlag. Ein typisches, winziges englisches Reihenhaus. Hier gab es nicht für alle ein Bett, Chris und ich schliefen in der Küche auf der Luftmatratze, nachdem wir Trevors Whisky Vorräte entdeckt und teilentleert hatten. Für den nächsten Abend gab es noch keinen Plan, außer daß wir einen Gig spielen und nicht bei Trevor nächtigen würden, da er Besuch hatte. Also begann Trevor nach dem Auftritt eine übernachtungsmöglichkeit zu organisieren. Jörg, Erich, Hong Ky und Lorle würden bei Chas in der WG schlafen, Chris und ich bei einer uns bis dato unbekannten Suzanne, die uns an der Tür begrüßte und uns sogleich eine etwas zu groß geratene Selbstgedrehte anbot, über deren Inhalt ich an dieser Stelle nicht weiter spekulieren möchte.
So lernt man also über die Jahre Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Gästezimmer und Küchen kennen. Es ist erstaunlich, daß die meisten Menschen ihre Küchen nach einem geheimnisvollen aber ähnlichen System organisieren. Man lernt die Löffel in der richtigen Schublade, und die Gläser und Tassen auf Anhieb im richtigen Schrank zu suchen. Auch die Getränke sind in einem ähnlichen Schema angeordnet, nur Brot und Kaffe sind Dinge die niemals auf Anhieb aufzufinden sind. Warum stellen die Menschen den Kaffee nicht einfach in die Nähe der Kaffeemaschine?
Spannend ist auch immer der nächtliche Weg durch ein Haus auf der Suche nach dem Bad. Zunächst findet man zielsicher jede knarrende Diele und Treppenstufe, um genauso zielsicher jeden Lichtschalter zu verfehlen. In dieser Disziplin bin ich ebenso geübt wie darin nachts beim Verlassen einer Wohnung im Treppenhaus anstelle des Lichtschalters die Klingel des Nachbarn zu betätigen. Gut organisierte Menschen tragen zu solchen und ähnlichen Zwecken eine Taschenlampe bei sich. Ich gehöre nicht zu dieser Gattung. So irrt man dann durch die Finsternis, immer darauf bedacht sich keinen Zeh zu brechen und sich nirgendwo den Kopf anzuschlagen und weckt bei dieser Schleicherei schnell mal das ganze Haus auf.
Trotz solch leichter Schwierigkeiten ist es jedesmal schön in dieser Form On The Road zu sein. Es gibt nichts schlimmeres als Hotelbars und Hotelbetten. Und es ist einfach sehr schön nach einem gemeinsamen Auftritt mit den Leuten die wahrscheinlich gerade genau das gleiche fühlen ein Bett zu suchen, zu quatschen, runterzukommen und am nächsten Morgen in der Fremde gemeinsam zu frühstücken um danach zum nächsten Gig zu fahren oder die Heimreise anzutreten.
Zudem man Freunde wieder trifft oder neue Menschen, ihr Zuhause, ihre Familie und ihre Kaffeemaschine kennenlernt. Dafür lohnt es sich immer wieder, für selten mehr als die Erstattung der Spritkosten, quer durch die Republik oder den Kontinent zu reisen.
Achtung! Wir neigen dazu wiederzukommen.