












Fotos: Jörg Briese
Im April 95 fand das legendäre Konzert in Altenberg statt, als Trevor Phillips, Referent irgendeines Labour-Abgeordneten in Middlesbrough uns von der bevorstehenden Veranstaltung zum fünfzigjährigen Jahrestags des Kriegsendes erzählte, und zum Abschied sagte „Come and dance with us“ . Kurze Zeit später schickte ich ihm ein Fax, daß wir gerne kommen würden und so stielten wir dann unseren bislang am weitesten von Oberhausen entfernten Auftritt ein. Ein paar Auszüge aus meinem Reisetagebuch:
Abfahrt einer ziemlich müden Truppe inclusive Fotograf mit dem Bus des Kinderdorfs Bottrop aus Oberhausen.
Sind gerade von Calais mit der Fähre nach England gestartet. Jörg fotografiert wie verrückt, da müssen wir uns wohl in den nächsten Tagen dran gewöhnen. Sind voll im Zeitplan.
Haben uns in Purfleet, einem Vorort von London, der nur aus einem Bahnhof, einem angrenzenden Café und ein paar wenigen Backsteinhäusern entlang einer einzigen Hauptstraße zu bestehen scheint, mit Christiane getroffen. Eine weitere Fotografin, eigentlich aus Essen, mit Wohnsitz London, die auch im letzten Jahr bei dem Filmprojekt in M'bro dabei war.
Christiane hat gerade noch einmal bei Trevor angerufen und ihn
endlich erreicht. »Ich glaube, der hat nicht wirklich damit gerechnt, daß
ihr kommt.«
Egal jetzt weiß er es, und wir können darauf hoffen, daß jemand da ist wenn
wir ankommen, davon abgesehen, daß wir endlich wissen wo wir überhaupt
hinmüssen, und wie wir den Weg finden. Erinnerungen an den "Wild Indians Way"
machen sich unter lautem Gelächter breit.
Sind endlich angekommen, kurze Zeit später ist dann auch Trevor da. Begrüßungskaffee(!) im Garten, wir machen uns auf den Weg in die nächstgelegenste Pizzeria. Danach noch in den "Local Pub" und ab ins Bett. Schlafe in der Küche wegen Weil Platzmangel.
Nun sind wir also tatsächlich in Middlesbrough gelandet. Ich weiß
nicht ob jemand vor einem Monat, als Trevor »Come and dance with us!« sagte,
daran geglaubt hat, ich jedenfalls nicht.
Müde bin ich. Die fünfzehn Stunden im Auto gestern stecken mir noch ganz schön
in den Knochen. Gleich sind wir bei Chas verabredet, dann müssen wir noch
ein ,'Beweisfoto' für die Presse machen und dann geht's ab in die Town Hall
zum Aufbauen.
Wird bestimmt ein komisches Gefühl meine englischen Texte vor englischen
Zuschauern zu Singen. Hoffentlich sind nicht allzuviele Grammatikfehler drin.
Jörg liegt auf dem Boden und versucht die richtige Position für's Beweisfoto zu finden. Wir liegen auch am Boden - vor Lachen. Nach einer halben Stunde ist der Film durch und Jörg zufrieden. Wir fahren zur Stadthalle, aber die Techniker sind noch mit dem Aufbau der PA beschäftigt. Kurzes Interview, dann in die Stadt, ein bißchen bummeln. Um halb drei können wir mit dem Aufbau beginnen.
Das Konzert.
Die ganze Veranstaltung läuft gut. Schön gemacht, wenig Reden - viel Musik
und Kultur. Ganz so wie von Trevor versprochen. Paul ist auch da, nach
langer Disskussion hat er eingewilligt keinen Eintritt zu zahlen und sich
sogar auf ein Bier einladen zu lassen, und das in seiner Heimatstadt.
Um halb elf muß ich dann noch mal auf die Bühne und bekomme von einem
englischen Kriegsveteranen eine Gedenktafel zum spanischen Bürgerkrieg
überreicht, danach heißt es feiern mit den englischen Freunden.
Die Veranstaltung ist zu Ende, und Trevor hat es tatsächlich
geschafft eine Übernachtungsmöglichkeit für uns aufzutun. Nachdem ich dem
Hugh, Gitarristen von Spittin' Sawdust, klarmachen konnte, daß meine
Gitarre nicht verkäuflich ist und wir uns von Paul und den andreren
verabschiedet haben, was allerdings fast eine Stunde dauerte, weil er
unbedingt noch in eine Bar mit uns wollte, geht's los.
Außer Lorle und Jörg, die bei Chas pennen, schlafen wir alle bei einer
uns unbekannten Frau, deren Haustür bereits offen steht als wir ankommen
und von der wir am nächsten Morgen genauso herzlich verabschiedet werden
wie wir am Abend begrüßt wurden.
"Das war, glaube ich total wichtig für die Leute in Middlesbrough,
daß wir da gespielt haben", sagte Erich beim Tee in Brixton/London. Denke ich auch.
Auch wenn ich ein bißchen Bammel hatte. Ich hatte ja keine Ahnung wie die
Leute hier es auffassen würden wenn eine deutsche Band in England zum Tag
der Befreiung spielt.
Trevor meinte es wäre schon ziemlich mutig gewesen an diesem Tag nach
Middlesbrough zu kommen. Wurde aber dann doch ein wirklich warmes "weleome"
und ein, glaube ich, gutes Konzert.
Bei "Spittin' Sawdust" habe ich dann tatsächlich auch noch getanzt.
"Hey, this Song's for you!", sagte sie und überzeugte mich davon,
daß es mehr als angesagt wäre jetzt die Tanzfläche zu betreten.
War ein komisches Gefühl da hinterher mit diesem englischen Kriegsveteranen,
der in Spanien gekämpft hatte und bei der Befreiung von Dachau dabei war,
auf der Bühne zu stehen.
Marke "Deutsch trifft auf Englisch", "Jung auf alt", "Jeans auf Bundfalte".
Ich weiß nicht genau was ich gedacht habe, auf jeden Fall fand ich,
daß es eine sehr schöne Geste von ihm war uns dieses Geschenk zu machen,
als Zeichen der Versöhnung.